Dr. Thomas Richter: Fünf Tipps gegen Rückenschmerzen

Rückenschmerzen zählen zu den häufigsten und kostenintensivsten Gesundheitsproblemen in Deutschland. Pro Jahr verursachen Rückenschmerzen in Deutschland einen volkswirtschaftlichen Schaden in Höhe von zirka 49 Milliarden Euro pro Jahr. Zum Tag der Rückengesundheit am 15. März erklärt Dr. Thomas Richter, wie man seinen Rücken am besten schützt. Dr. Richter ist Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin am Orthopädiezentrum München Ost (OZMO).

Herr Dr. Richter, wie häufig sind Rückenschmerzen?

Dr. Richter: 74 bis 85 Prozent der Deutschen leiden unter Rückenschmerzen, 12,5 Prozent sogar an schweren, in der Regel chronischen, Rückenschmerzen. Wir reden also von einer Volkskrankheit. So gut wie jeder Mensch leidet im Laufe seines Lebens von Zeit zu Zeit unter Rückenschmerzen. Ursache können sein altersbedingte, strukturelle Veränderungen der Wirbelsäule, Übergewicht, Fehlhaltungen, Überbelastung oder ein muskuläres Ungleichgewicht. Aber auch psychische Erkrankungen können sich körperlich auswirken.

Wer unter Rückenschmerzen leidet, hat möglicherweise einen Bandscheibenvorfall. Was ist das genau?

Dr. Richter: Die Bandscheibe ist ein gallertartiger Puffer zwischen den Rückenwirbeln. Wird die Bandscheibe stark gequetscht, tritt sie zwischen den Wirbeln hervor und kann dabei auf einen Nerv drücken. Dies verursacht starke Schmerzen und kann sogar zu Lähmungserscheinungen oder plötzlicher Inkontinenz führen. In diesem Fall ist eine OP dringend und sofort erforderlich. Ursache für einen Bandscheibenvorfall kann eine falsche Körperhaltung zum Beispiel beim Heben schwerer Gegenstände oder Verschleiß sein. Da eine Bandscheibe nicht über einen eigenen Stoffwechsel verfügt, kann sich dieser Stoßfänger leider nicht selbst regenerieren.

Wie häufig muss operiert werden?

Dr. Richter: Unser Ziel ist es, dass sich der Patient wieder beschwerdefrei bewegen kann. In ca. 90% der Fälle reicht hierbei eine sogenannte konservative Therapie aus Schmerzmitteln, Wärme und Physiotherapie aus. Im Normalfall ist eine solche Therapie nach 6 bis 8 Wochen abgeschlossen. Verspürt der Patient nach dieser Zeit keine Verbesserung oder sogar eine Verschlimmerung der Schmerzen wird doch eine Operation notwendig, ebenso im Falle von auftretenden Lähmungserscheinungen.

Warum ist Sport so wichtig, um Rückenschmerzen vorzubeugen?

Dr. Richter: Eine gute Rumpfmuskulatur stabilisiert den Rücken und entlastet damit die Bandscheiben. Der richtige Sport ist damit der beste Schutz vor Rückenschmerzen.

Welche Sportarten empfehlen Sie?

Dr. Richter: Kräftigungsübungen mit dem eigenen Körpergewicht sind sehr gut. Ein Klassiker ist der Plank. Der Körper ist dabei wie im Liegestütz gestreckt und angespannt, nur die Füße und die Unterarme berühren den Boden. Dann für 3 mal 30 Sekunden diese Position bei voller Körperspannung halten. Diese Übung lässt sich vielfältig variieren und stärkt die gesamte Rumpfmuskulatur. Sehr zu empfehlen sind natürlich auch Yoga, Pilates oder Ausdauersportarten wie Kraul- und Rückenschwimmen oder Nordic Walking, Wandern und Joggen.

Gibt es Sportarten, die Sie nicht empfehlen?

Dr. Richter: Gerade wenn man keine Zwanzig mehr ist, sollte man Sportarten, die die Wirbelsäule stauchen oder überstrecken, erst dann ausüben, wenn man seine Rumpfmuskulatur entsprechend gestärkt hat. Deshalb rate ich Nicht-Sportlern davon ab, gleich mit Reiten, Skifahren, Golfen, Radrennfahren, Badminton, Tennis oder Bowling zu starten. Auch Brustschwimmen ist nicht die erste Wahl, da es bei einem Untrainierten bei anhaltender Überstreckstellung der HWS zur Überlastung der Nackenmuskulatur kommen könnte.

Wie wichtig ist beim Schlafen eine gute Matratze für den Rücken?

Dr. Richter: Ein gesunder Schlaf ist wichtig, damit der Körper regenerieren kann. Es gibt aber keinen wissenschaftlich fundierten Beleg, dass eine teure Matratze besser vor Rückenschmerzen schützt. Glauben Sie also nicht alles, was Ihnen der Matratzenverkäufer erzählt. Wenn Sie gut schlafen, müssen Sie Ihre Matratze nicht austauschen.

Können auch psychische Probleme Rückenschmerzen auslösen?

Dr. Richter: Bei Menschen, die psychisch unter Druck stehen, sagt der Volksmund, dass sie eine schwere Last zu tragen haben. Stress und seelischer Schmerz können sehr wohl Rückenschmerzen auslösen – wie auch viele andere Symptome. Auch hier gilt: Das beste natürliche Mittel gegen Stress oder eine leichte Depression ist ein gesunder Ausdauersport, also lockeres Laufen, Nordic Walking, Wandern oder Schwimmen. Nach einer gewissen Zeit beginnt der Körper mit der Ausschüttung von Glückshormonen. Und dann verschwinden auch meistens die Rückenschmerzen.

Welche Rolle spielt die Ernährung?

Dr. Richter: Da die Bandscheibe keinen eigenen Stoffwechsel hat, spielt die Ernährung direkt keine Rolle. Eine falsche Ernährung führt aber unter anderem zu Übergewicht. Und je mehr Kilos auf die Bandscheibe drücken, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, Rückenschmerzen zu bekommen.

Leiden Raucher häufiger an Rückenschmerzen?

Dr. Richter: Ja, aus zwei Gründen. Nikotin ist ein Schmerzverstärker. Studien haben mittlerweile eindeutig belegt, dass das Rauchen Rückenschmerzen auslösen und sie auch noch verstärkt kann. Der zweite Grund: Viele Raucher sind Sportmuffel und bewegen sich zu wenig.

Was legen Sie Ihren Patienten besonders ans Herz

Dr. Richter: Wer fünf Punkte beachtet, hat eine gute Chance, keine Rückenschmerzen zu bekommen. Neben einem nachhaltigen und kontinuierlichen Kräftigungstraining insbesondere für den Rumpf, ein gesundes Körpergewicht, dem Verzicht auf Nikotin und ausreichendem Schlaf rate ich dazu, möglich viel Bewegung in den Alltag einzubauen. Das geht auch im Büro. Kaufen Sie sich ein Headset und telefonieren Sie im Stehen oder Gehen, versuchen Sie im Alltag so oft es geht zu Fuß zu gehen oder das Rad zu nehmen. Gerade in der Innenstadt sind Sie so auch noch schneller am Ziel, als wenn Sie das Auto nehmen, im Stau stehen und keinen Parkplatz finden. Gegen Rückenschmerzen kann man etwas tun – im wahrsten Sinne des Wortes.